Donnerstag, 12. Januar 2017

Oktoberrevolution

Die Oktoberrevolution verändert die Welt. Dies ist der aktuelle Titel der Roten Fahne der MLPD. Doch auch für den Rest der Linken dürfte die Oktoberrevolution dieses Jahr Thema sein. Hundert Jahre, das will gefeiert werden. Wird es sicher. Besonders von dem was von der SU übriggeblieben ist, wenn auch wenig Anlass dazu besteht. Aber auch in Putins Reich ist die Geschichte nicht vergessen. Witzigerweise hat die heutige SU mit der früheren nicht mehr viel zu tun. Aber dazu kommen wir noch.
Die Oktoberrevolution gilt auch hier übergreifend den Linken als der Urknall. Endlich wurde die Theorie real, an die schon Marx nicht mehr geglaubt hatte. Er dachte am Ende, die Zeit der Revolutionen ist vorbei. Und da hatte er nicht so Unrecht. Denn ohne den ersten Weltkrieg hätte es keine erfolgreiche Revolution gegeben. Ist nicht so bekannt. Warum? Die Oktoberrevolution ist seither mit Mythen und Legenden zugestellt so daß die Fakten nur noch mühsam von der Fiktion zu unterscheiden sind.

Und das ist der Punkt. Oder wird es mal wieder dieses Jahr werden. Über die Oktoberrevolution hat noch heute jeder seine eigene Wahrheit.  Und die werden wir im Netz lesen dürfen. Die Dogmatischen und Traditionslinken werden die Oktoberrevolution auf bekannte Art abfeiern. Kritische Auseinandersetzung sollte man weniger erwarten. Diese Gruppen werden grad mal die altbekannten Propagandabilder aus dem Keller holen und das bekannte Bild einer erfolgreichen Revolution und eines erfolgreichen Aufbaus des Sozialismus vorführen. So sieht es die Traditionslinke noch heute gern. Es gibt andere Sichtweisen und Ansichten zum Thema, die von den Dogmatikern gerne verschwiegen werden. Sie passen nicht so ins heroische Selbstbild. Sie stören das Bild der Revolution, an das Linke gerne glauben wollen, je irrealer die Wiederholung in Europa erscheint. Der erste Anlass wird die LL Demo in Berlin, hier versammeln sie sich und können bereits jetzt den Jahrestag abfeiern. Im Oktober bzw. November, da es ja durch den russischen Kalender zu einer Verschiebung kam, darf wirklich abgefeiert werden. Die Frage stellt sich nur, was feiern wir?

Eine Revolution, in der die revolutionäre Theorie materiell wurde? Eben nicht. Gerade die Oktoberrevolution stellte sich etwas anders da als von der Theorie vorgesehen und das war sie ja gar nicht. Im unterentwickelten Russland hätte sie gar nicht stattfinden dürfen. Jedenfalls nach der dogmatischen Lehre. Die Revolution war erfolgreich, weil nach dem Zusammenbruch der Front ein Machtvakuum entstand. Sie war bereits vorbei und der Zar entmachtet, als Lenin putschte und dies Revolution nannte. Und von der revolutionären Partei war vorher auch nicht  so viel zu sehen gewesen. Lenin hatte also nur noch abgeräumt. Trotzdem hat die Oktoberrevolution einiges verändert und setzte einigen Idealismus frei. Der dann freilich hart abgewürgt wurde. Lenin war ja nicht allein beteiligt. Trotzki war auch noch da und genau den werden die verbleibenden Trotzkistengruppen abfeiern und ihn die zustehende Würdigung verschaffen. Da haben sie eine nette Aufgabe gefunden. Sicher wurde Trotzkis Beitrag hinterher verschwiegen und sein Bild im Wortsinne ausradiert und wenn die Trotzkisten nun an seinen Denkmal bauen, dann verschweigen sie gern seinen späteren Beitrag, aus dem sozialistischen Experiment eine autoritäre Parteidiktatur zu machen. Die Diktatur gab es bereits, danach ging es nur darum, wer bekommt den Job. Stalin war eben erfolgreicher und so begann für die Trotzkisten das Unglück ab diesen Zeitpunkt. Für die Marxisten/Leninisten freilich erst mit dem XX. Parteitag. Bleiben noch die Anarchisten, die in ihren Seiten auf Kronstadt verweisen können und auf deren Beitrag zur Revolution. So schafft sich jeder seine eigene Oktoberrevolution.

Doch nun zur Gegenwart. Aus der Oktoberrevolution wurde längst ein Staatsmythos und auf die wird man auch heute nicht verzichten wollen. Das daraus schlußendlich ein autoritär regierter Staat wurde, der derzeit mit Kleinkriegen und Annektion nach Weltmachtgröße strebt und ansonsten mit der alten Ideologie nichts mehr zu tun hat, nun das ist eben der Lauf gescheiterter Versuche das Paradies auf die Erde zu holen.

Für die Dogmatiker ist die Geschichte eine klare Sache. Sie wissen was passiert ist und vor allem, wer schuld ist. Wenn es die Entstalinisierung nicht gegeben hätte! Wenn der Kampf gegen den Revisionismus nur …..! Wenn Lenin nicht ökonomisch zurückgewichen wäre ….! Wenn, wenn, wenn! Sie kennen alle Fehler die gemacht wurden und nur deswegen scheiterte der Sozialismus. Wer den Unsinn glauben will, darf ihre Seiten besuchen und sich das reinpfeifen. Die Realität ist freilich immer etwas schwerer und selten kann man einen Schuldigen herausdeuten.

Nicht die Oktoberrevolution ist das Problem. Eher die praktische Umsetzung ihrer Absichten zu einer Parteidiktatur die das Land nur mit Zwang und Gewalt zusammenhalten konnte. Sowas ist eben nicht von Dauer. Irgendwann verlieren die Menschen den Glaube und vor allem ihre Angst und dann kracht der Laden eben zusammen. Erstaunlich ist eher, daß er siebzig Jahre gehalten hat.

Es zieht sich durch die Geschichte der nach 68er Linke. Die Oktoberrevolution als Projektion und Wunschbild. Und die war über weite Strecken für etliche Linke realer als ihre aktuelle Realität. Mit dem Ende und Niedergang der ML Gruppen und des ML Dogmatismus verschwand die Bedeutung aus dem Alltag und der Diskussion. Dieses Jahr wird sie online abgefeiert werden und eine Anmerkung wäre noch zu machen.

Eine seltene Chance zu beweisen, daß der Sozialismus die bessere Alternative darstellt und machbar ist, wurde vertan. Digitale Denkmäler werden daran wenig ändern.